Eine tiefe Traurigkeit ist in mir

Benutzeravatar
cleverle2003
Site Admin
Beiträge: 1194
Registriert: Sa Feb 11, 2006 4:00 pm
Wohnort: Franken
Kontaktdaten:

Eine tiefe Traurigkeit ist in mir

Beitragvon cleverle2003 » So Feb 03, 2008 1:57 pm

Bild

Eine tiefe Traurigkeit ist in mir

Der alte Mann saß im Morgengrauen auf einer Parkbank, wie immer wenn er es zu Hause nicht aushielt. Die Herbstnebel wallten auf und wallten nieder und nur wenn man näher an die Bank heran kam, konnte man den Alten sehen.

Da saß er nun in seiner abgetragenen Kleidung, die noch immer die besseren Zeiten erahnen ließen, die der Alte mal gelebt haben muss. Sein Gesicht gefurcht vom Laufe der Zeit und dem Erlebten. Seine Augen waren glanzlos und spiegelten seine Verlassenheit wider.
Es war eine Frau, die den Parkweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihre Augen hatten den frischen Glanz eines jungen Mädchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter auf den Alten. Die Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?"

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin nur ein alter Mann", flüsterte die Stimme stockend und leise, dass sie kaum zu hören war. Niemand braucht mich mehr und so bleibt mir nur noch meinen Gedanken nachzuhängen und das macht mich sehr traurig.
"Ach, traurig bist Du!" rief die Frau erfreut aus, als würde sie einen alten Bekannten grüßen.

"Du kennst mich?" fragte der Alte erstaunt.
"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder habe ich Dich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja, aber...", argwöhnte der Alte, "warum kenne ich Dich dann nicht?
"Weil ich nur von Leuten gesehen werde die sehr, sehr viel Traurigkeit in sich spüren. Warum siehst du so mutlos aus?"
"Ich... bin traurig", antwortete der Alte mit brüchiger Stimme.

Die kleine alte Frau setzte sich zu ihm.

"Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so traurig macht."
Der Alte seufzte tief. Sollte ihm diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte er sich das schon gewünscht. "Ach, weißt du", begann er zögernd und äußerst verwundert, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich als hätte ich eine ansteckende Krankheit."
Der Alte schluckte schwer.


"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet."
Der Alte sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
Der Alte schwieg. Sein Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie sanft sie sich doch anfühlte, dachte sie und streichelte zärtlich den ztternden Alten.
"Weine nur, Alter", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine Deine Wege gehen. Ich werde dich begleiten, damit Du wieder fröhlich sein kannst."
Der Alte hörte auf zu weinen. Er richtete sich auf und betrachtete erstaunt seine neue Gefährtin: "Aber ... aber - wer bist eigentlich du?"

"Ich?" sagte die Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder.

„Ich bin eine alte Frau, die Dir zuhören und zulächeln will. Lass uns nun den Weg gemeinsam gehen“
Keine Macht den Denkbefreiten

Benutzeravatar
Vulkanlili
Beiträge: 4063
Registriert: Do Jun 29, 2006 6:36 pm
Wohnort: Naturpark Spessart

Beitragvon Vulkanlili » Mo Feb 04, 2008 5:11 pm

Schön cleverle ... ja, das Zuhören und Lächeln allein kann schon einen einsamen alten Menschen glücklich machen! :up:
Eversmiling Liberty!

Grüssle
Senora Tenora

Benutzeravatar
Tarantel-05
Beiträge: 1328
Registriert: Di Jun 13, 2006 6:11 pm
Wohnort: dort, wo andere Urlaub machen

Beitragvon Tarantel-05 » Di Feb 05, 2008 9:04 am

Die Barmherzigkeit (oder auch Warmherzigkeit) hat viele Gesichter und muss sich nicht unbedingt als alte Frau tarnen ;-)

Aber man KANN sich nicht um jeden kümmern, dazu reicht die Zeit nicht, und wenn einem jeder seine Lebensgeschichte erzählt und einen komplett zuschwallert, lebt man nicht mehr sein eigenes Leben. Da muss man abwägen...

Gruß T.
Man hat's nicht leicht, aber leicht hat's Einen

Benutzeravatar
Vulkanlili
Beiträge: 4063
Registriert: Do Jun 29, 2006 6:36 pm
Wohnort: Naturpark Spessart

Beitragvon Vulkanlili » Di Feb 05, 2008 11:39 am

Das stimmt zwar, Thekla, aber in cleverles Geschichte geht es wohl um zwei einsame alte Menschen, die sich zufällig gefunden haben. Und so haben beide Seiten etwas von der Begegnung. :wink:
Eversmiling Liberty!



Grüssle

Senora Tenora


Zurück zu „Geschichten, Erzählungen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron