Ein Dorf wird unabhängig von Öl und Gas

Was uns in aller Welt Positives bez. der Politik begegnet - Der Bürger hat das Recht und die Pflicht, die Regierung zur Ordnung zu rufen, wenn er glaubt, daß sie demokratische Rechte mißachtet.”
Dr. Gustav Heinemann, Bundespräsident (1969 –1974 )

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pascha
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Ein Dorf wird unabhängig von Öl und Gas

Beitragvon pascha » Di Sep 27, 2005 6:18 pm

Kommunale Umwelt-AktioN U.A.N.
Kommunaler Umweltpreis 2005


Kommunaler Umweltpreis 2005 für Jühnde
Erstes Bioenergiedorf in Deutschland

Gefunden unter

http://www.uan.de/infos2000/juehnde.htm

Ein kleines Schild am Ortseingang von Jühnde deutet auf ein großes Vorhaben: „Bioenergiedorf Jühnde - einmalig in Deutschland!“ Was mag dahinter stecken? Bürgermeister August Brandenburg (74) erklärt das Vorhaben: “Wir werden die Strom- und Wärmeversorgung in Jühnde auf der Basis von Biomasse umstellen. Mit dieser umweltfreundlichen Bioenergie werden wir uns weitgehend unabhängig von Öl und Gas machen. Und bemerkenswert ist, dass etwa 70 % der Bewohner im Dorf mitziehen!“

Was ist das für ein Dorf, das Biomasse in Energie umwandeln will?

Jühnde liegt in Süd-Niedersachsen etwa 15 km westlich der Universitätsstadt Göttingen. Ca. 750 Einwohner leben hier. Neun Landwirte mit einer Viehhaltung von ca. 450 Kühen und 1.500 Mastschweinen wirtschaften hier mit ihren Familien. Der Ort zeigt gewachsene Strukturen. Ein Lebensmittelgeschäft, Kindergarten und eine Mehrzweckhalle für die vielfältigen Vereinstätigkeiten, zeichnen das Dorf aus. Und das Besondere sind natürlich die Menschen: Landwirte, Installateure, Handwerker, Arbeitnehmer, Akademiker, Hausfrauen, Kinder, Jugendliche, usw.; jede Menge interessanter, ganz normaler Leute.

Wie kam es zu der Idee, ein Bioenergiedorf aus Jühnde zu machen?

Die Idee wurde vom Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universitäten Göttingen und Kassel-Witzenhausen im Januar 2001 erstmals den Jühnder Bürgern vorgestellt. Auf Grund der mit dem Projekt verbundenen Chancen für die Dorfentwicklung und die positiven Effekte für die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen herrschte von Anfang an ein großes Interesse im Ort.

Zentraler Ausgangspunkt ist die Umstellung der Strom- und Wärmeversorgung in Jühnde auf der Basis von Biomasse. Hierdurch können fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle durch einen umweltfreundlichen, einheimischen und dezentral verfügbaren Energieträger (Energiepflanzen, Holz) ersetzt werden. Somit können die Grundbedürfnisse nach Wärme und Strom erfüllt werden, ohne negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Klimas zu verursachen, da die hiermit verbundenen CO2-Emissionen vermieden werden. Ferner werden die nur noch begrenzt verfügbaren fossilen Energieträger geschont.

Wie muss man sich das technisch vorstellen?

Für die Energieerzeugung wird zuerst eine Biogasanlage gebaut, in der Energiepflanzen (Ganzpflanzensilagen, Mais, Sonnenblumen etc), die von den ortsansässigen Landwirten geliefert werden, gemeinsam mit der Rinder- und Schweingülle in einem 3000m3 Fermenter vergoren werden. Wie ein Kuhmagen arbeitet dieser Fermenter und erzeugt dabei Methan-Gas. Dieses Methangas wird in einem Blockheizkraftwerk verbrannt und Strom und Wärme gewonnen.

Der Strom wird beim örtlichen Energieversorgungsunternehmen eingespeist. Die anstehende Wärme wird über ca. 80 Grad heißes Wasser mittels eines Nahwärmenetzes an die Haushalte gebracht. In den Haushalten steht damit Wärmeenergie für Raumwärme und Brauchwasser zur Verfügung.

Im Winter muss zusätzlich noch mit einem Holzhackschnitzelheizwerk geheizt werden. Holz aus den benachbarten Wäldern wird über die Forstwirtschaft in Form von Holzhackschnitzeln bereitgestellt und in einem Holzofen verfeuert. Für die wenigen ganz kalte Tage steht dann noch ein Spitzenlastkessel bereit , der notfalls die Wärmeversorgung des Dorfes auch komplett selber durchführen kann.

Wie umweltfreundlich ist das Vorhaben?

Die Bioenergie trägt zur CO2- Reduzierung bei. Laut Berechnungen des IZNE Göttingen können ca. 3300 to jährlich in Jühnde eingespart werden. Beim Anbau der Energiepflanzen kann auf Einsatz von Pestiziden und Fungiziden weitgehend verzichtet werden. Auch der Trinkwasserschutz soll vorankommen, da das dünnflüssige Gärsubstrat aus der Biogasanlage sehr pflanzenverträglich zur gezielten Düngung wieder eingesetzt werden kann. Außerdem werden die Gerüche bei der Ausbringung der Gülle reduziert.

Und wie sieht es wirtschaftlich aus?

Durch die Nutzung heimischer Energieträger werden regionale Wirtschaftskreisläufe gestärkt. Durch die Bereitstellung der Biomasse für energetische Zwecke entsteht Einkommen in der Land- und Forstwirtschaft, das zunächst unabhängig von den Regelungen auf den Weltagrarmärkten erwirtschaftet werden kann. Dieses weitere Standbein kann dadurch zu einer Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse insbesondere in der örtlichen Landwirtschaft beitragen.

Die Investitionskosten in die gesamte Bioenergieanlage mit Nahwärmenetz in Höhe von ca. 5 Mio. € werden durch die eigens gebildete Betreibergesellschaft aufgebracht. Das Pilotprojekt ist mit ca. 1,3 Mio. € Fördermitteln vom Bund (BMVEL mit Projektträger FNR e.V.), Land Niedersachsen, Landkreis Göttingen und der Gemeinde Jühnde für die Investitionsphase ausgestattet. Zweidrittel der Investitionen bringt die Betreibergesellschaft selbst über Eigenkapital und Fremdkapital auf. Die wissenschaftliche Begleitforschung wurde und wird weiter durch das BMVEL mit dem Projektträger FNR e.V. finanziert.

Wie setzt man so etwas um?

Die Idee kam vom IZNE Göttingen, das ein Dorf für die Beispielhafte Umstellung suchte, um insbesondere wissenschaftlichen Fragen nachgehen zu können. Das Dorf mit seinen engagierten Bürgern und Landwirten hat sich in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde und dem IZNE/Göttingen die Idee zu eigen gemacht und das Vorhaben mit beauftragten Ingenieuren unter Einbeziehung der Jühnder Bevölkerung umgesetzt. Die eigens gebildete Betreibergesellschaft „Bioenergiedorf Jühnde eG“ hat die Besonderheit, dass alle Wärmekunden, Lieferanten und die Gemeinde Jühnde sowie die Samtgemeinde Dransfeld Mitglieder sind und somit die Interessen in einer starken Gemeinschaft vertreten sind.

Wo stehen die Jühnder jetzt?

Baubeginn war im Oktober 2004. Mittlerweile sind das 5,5 km lange Nahwärmenetz gelegt und die Energieanlagen Biogasanlage und Holzhackschnitzelheizwerk erstellt und in Betrieb genommen. Die meisten Haushalte haben ihre konventionelle Heizung abgebaut. Die erste Energiepflanzenernte mit Ganzpflanzensilage und Gras ist Anfang Juli erfolgt und die ersten Holzhackschnitzel im 3 km entfernten Wald gehackt worden. Im September werden die ersten Haushalte mit Wärme versorgt werden, und im Oktober 2005 soll die erste KWh ins Stromnetz eingespeist werden. Bürgermeister August Brandenburg verkündet voller Stolz: „Dann wird die Vision einer umweltfreundlichen Energieversorgung zumindest für Jühnde Wirklichkeit.“ Sie finden Kontakte und Informationen im Internet unter www.bioenergiedorf.de.

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